Italienische Pasta, österreichisch interpretiert: Klassiker mit heimischen Produkten

Ein echtes römisches Cacio e pepe kennt drei Zutaten: Pecorino Romano, schwarzen Pfeffer, Nudel. Keine Butter, keine Sahne, kein Öl. Genau diese Radikalität macht die italienische Pasta-Küche so schwer nachzukochen – und zugleich so leicht zu übersetzen. Denn wo alles von der Qualität weniger Produkte abhängt, entscheidet nicht die Herkunft, sondern das Niveau der Zutat.

Österreich hat dieses Niveau. Vorarlberger Bergkäse, Steirisches Kürbiskernöl, die Steirische Käferbohne, Hartweizen aus dem Weinviertel – alles Produkte mit geschütztem Ursprung und einem Geschmack, der sich vor Pecorino und Pinienkern nicht verstecken muss. Die ehrlichste Art, hierzulande italienisch zu kochen, ist deshalb nicht der Griff zur mittelmäßigen Import-Imitation, sondern die Übersetzung des Prinzips mit heimischen Produkten, die für sich selbst stehen.

Das Prinzip zählt mehr als die Herkunft der Zutat

Die großen römischen Nudelgerichte sind Übungen in Reduktion. Carbonara braucht Guanciale, Pecorino Romano, Eigelb und Pfeffer – keine Sahne, keine Zwiebel, keinen Knoblauch. Amatriciana ergänzt Guanciale und Pecorino um San-Marzano-Tomaten, Weißwein und etwas Chili, mehr nicht. Cremig wird die Carbonara nicht durch Fett aus der Packung, sondern durch die Emulsion aus Eigelb, Käse, ausgelassenem Speckfett und stärkehaltigem Kochwasser.

Wer das verstanden hat, sieht sofort, warum die Übersetzung funktioniert: Man tauscht ein Spitzenprodukt gegen ein anderes Spitzenprodukt und lässt die Technik unangetastet. Ein guter Bergkäse statt Pecorino verändert den Ton, nicht das Handwerk. Schwierig wird es erst, wenn man zusätzlich an der Methode dreht – und plötzlich Sahne in die Carbonara kippt, weil die Emulsion misslungen ist.

Carbonara mit heimischem Speck und Bergkäse

Guanciale ist luftgetrocknete, ungeräucherte Schweinebacke mit hohem Fettanteil – und genau dieses Fett trägt das Gericht. Der heimische Bauch- oder Karreespeck ist meist geräuchert, und der Rauch verschiebt den Geschmack spürbar ins Deftige. Wer nah am Original bleiben will, greift zu einem luftgetrockneten, ungeräucherten Speck; wer den Rauch bewusst einsetzt, bekommt eine eigenständige, alpine Variante. Beides ist legitim, solange man es nicht als römisch verkauft.

Für den Käse ist Vorarlberger Bergkäse g.U. der überzeugendste Ersatz für Pecorino Romano. Er reift drei bis neun Monate, vereinzelt bis zu 24, wird aus silofreier Rohmilch hergestellt und schmeckt mit zunehmendem Alter würzig bis pikant. Er ist milder als der salzige Schafskäse, dafür nussiger – ein Tausch, der die Carbonara runder macht. Dazu Eigelb von heimischen Eiern, viel frisch gemahlener Pfeffer, und die Sauce entsteht wie im Original: außerhalb der Hitze, mit Kochwasser cremig gerührt.

Cacio e pepe, wenn der Bergkäse den Pecorino ersetzt

Beim Cacio e pepe ist der Tausch am heikelsten, weil hier nichts den Käse überdeckt. Pecorino Romano bringt eine schafsmilchtypische Schärfe und Salzigkeit, die ein junger Kuhmilchkäse nicht liefert. Die Lösung liegt im Alter: Ein lang gereifter Bergkäse – zehn Monate und mehr – oder ein herber Tiroler Graukäse bringt genug Würze, um das Gericht zu tragen. Identisch wird es nicht, ehrlicherweise. Aber es wird gut, und es wird österreichisch.

Die Technik bleibt gleich: Der Pfeffer wird kurz trocken angeröstet, der geriebene Käse mit wenig Kochwasser zu einer Creme gerührt, die Nudel in stärkereichem, sparsam gesalzenem Wasser gekocht. Die Stärke ist der eigentliche Bindetrick – nicht Butter, nicht Öl. Geht die Creme zu heiß in die Pfanne, flockt der Käse aus; das ist der häufigste Fehler und hat mit der Käsesorte nichts zu tun.

Sugo und Amatriciana mit Paradeisern und Speck

Die Amatriciana lebt von drei Dingen: dem Fett des Guanciale, der Säure der Tomate und dem Salz des Pecorino. Keine Zwiebel, kein Knoblauch – das Originalrezept ist strenger, als die meisten Gasthaus-Varianten glauben machen. Für die heimische Übersetzung zählt vor allem die Tomate: sonnengereifte Paradeiser oder eine gute Passata mit wenig Säure, damit sie gegen Speck und Käse nicht untergeht. San Marzano ist schwer zu schlagen, aber im Spätsommer liefern heimische Freiland-Paradeiser eine Süße, die dem sehr nahekommt.

Der Rest folgt dem bekannten Muster: heimischer Speck ausgelassen, mit einem Schluck Weißwein abgelöscht, Paradeiser einreduziert, zum Schluss Bergkäse. Wer es schärfer mag, gibt etwas Chili dazu – das ist im Original vorgesehen und keine Erfindung.

Pesto: Kürbiskernöl statt Olivenöl, Bergkäse statt Parmigiano

Pesto alla genovese ist eigentlich unantastbar: Basilikum, Pinienkerne, Parmigiano Reggiano und Pecorino Sardo im Verhältnis von etwa 70 zu 30, milder Knoblauch, ligurisches Olivenöl, grobes Salz – kalt im Mörser gearbeitet, damit das Basilikum nicht oxidiert. Trotzdem lässt sich das Grundmuster steirisch denken. Geröstete Kürbiskerne treten an die Stelle der Pinienkerne und bringen mehr Biss, ein gereifter Bergkäse ersetzt den italienischen Hartkäse.

Steirisches Kürbiskernöl g.g.A. gehört dabei behutsam eingesetzt. Das dunkelgrüne Öl aus gerösteten Kernen des Steirischen Ölkürbis ist intensiv und dominant; als alleinige Fettbasis überfährt es das Kraut. Als Akzent – ein Löffel ins fertige Pesto, ein Faden über den Teller – ist es dagegen unschlagbar. Und weil es durch die Röstung hitzeempfindlich ist, kommt es nie in die heiße Pfanne, sondern immer erst am Schluss. Im Frühjahr ersetzt Bärlauch das Basilikum ohnehin überzeugender als jeder Import.

Pasta e fagioli mit der Steirischen Käferbohne

Kaum eine heimische Zutat übersetzt sich so mühelos wie die Steirische Käferbohne g.U. in eine Pasta e fagioli. Die große, rotbraun marmorierte Bohne wächst seit Generationen im Südosten der Steiermark, ist seit August 2016 EU-weit im Ursprung geschützt und wird von rund 200 bäuerlichen Betrieben auf über 200 Hektar angebaut – von Hand verlesen, gereift auf mineralreichen Böden im illyrischen Klima. Sie ist deutlich größer und cremiger als die italienischen Cannellini oder Borlotti.

Genau das macht sie zur besseren Bohne für dieses Gericht. Ein Teil der gekochten Käferbohnen wird zerdrückt und bindet die Suppe, der Rest bleibt ganz. Dazu kurze Nudeln, ein Ansatz aus Speck, Paradeiser und Rosmarin – und man hat einen Eintopf, der italienisch gedacht und steirisch geerdet ist.

Die Nudel selbst: Hartweizen aus dem Weinviertel

Am überraschendsten ist, dass sogar die Nudel heimisch sein kann. Hartweizen gilt als Pasta-Getreide schlechthin, wird in Österreich aber nur auf rund 20.000 Hektar angebaut, vor allem in Niederösterreich und im Burgenland – genug, um den Inlandsbedarf zu etwa 101 Prozent zu decken. Im Weinviertel liefern über 200 bäuerliche Familienbetriebe der Erzeugergemeinschaft Zistersdorf ihren Durum im Vertragsanbau ausschließlich für heimische Teigwaren. Wer Wert darauf legt, bekommt seine Pasta also aus österreichischem Hartweizen.

Daneben steht die eigene Tradition der Eiernudel, die mit frischen heimischen Eiern ganz ohne italienisches Vorbild auskommt, und Dinkel als nussige Alternative. Ernährungsseitig ist Pasta ohnehin harmloser als ihr Ruf: Trockene Nudeln liegen bei rund 350 kcal pro 100 g, gekocht nur noch bei etwa 150 – nicht weil Kalorien verschwinden, sondern weil die Nudel Wasser zieht und schwerer wird. Eine ehrliche Portion sind 80 bis 100 Gramm trocken; eine Übersicht der Kalorien von Pasta ordnet die einzelnen Sorten ein. Was die Portion am Ende ausmacht, ist die Sauce, nicht die Nudel.

Wo die Übersetzung ehrlich an Grenzen stößt

Nicht alles lässt sich tauschen. Die schafsmilchtypische Schärfe des Pecorino Romano bleibt eine Lücke, die auch der beste Bergkäse nur umgeht, nicht füllt. Und geräucherter Speck ist kein Guanciale, sondern etwas anderes – elegant, aber eben nicht römisch. Die redliche Haltung ist deshalb, das Ergebnis nicht als originalgetreu auszugeben, sondern als das, was es ist: eine österreichische Interpretation, die auf eigenen Beinen steht.

Das ist kein Kompromiss, sondern der interessantere Weg. Wer heimische Produkte bewusst kombiniert, kocht am Ende kein schlechteres Italienisch, sondern ein ehrlicheres Österreichisch – mit einer Technik, die aus Rom stammt, und Zutaten, die ein paar Kilometer weiter gewachsen sind. Zwischen der klassischen österreichischen Küche und der italienischen liegt weniger, als das Klischee vermuten lässt.

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