Im österreichischen Weinbau wächst eine Sortengruppe heran, die noch vor zehn Jahren in der Nische lebte und heute in der Mitte der Klimadebatte angekommen ist: pilzwiderstandsfähige Rebsorten, kurz PIWI. Sie wurden über Jahrzehnte gezüchtet, um den größten Kostentreiber im Weinbau zu reduzieren – den Pflanzenschutz. Und sie erweisen sich jetzt, wo die Sommer feuchter, die Vegetationsperioden länger und die Pilzkrankheiten aggressiver werden, als zukunftsfähig.
Die Zahlen sind noch klein, aber die Richtung ist klar. Auf rund 880 Hektar wachsen heute PIWI-Reben in Österreich, das sind rund zwei Prozent der gesamten Weinbaufläche. In der Steiermark, dort wo die Sommer am feuchtesten sind, ist der Anteil mit 3,3 Prozent am höchsten. Dieser Artikel ordnet ein, was PIWI eigentlich heißt, welche Sorten zugelassen sind, wo Konsumenten sie finden und wo die Skepsis berechtigt bleibt.
Was PIWI bedeutet – und warum die Sorten jetzt wichtig werden
PIWI steht für „pilzwiderstandsfähige Rebsorten“. Dahinter steckt eine seit den 1960er Jahren laufende Zuchtarbeit, die klassische europäische Vinifera-Sorten – also Riesling, Pinot Noir, Cabernet Sauvignon und Co. – mit pilzresistenten Wildrebenarten kreuzt. Die Tochtersorten erben dabei einen Teil der Aromen aus den europäischen Eltern und eine Teilresistenz gegen die zwei wichtigsten Pilzkrankheiten im Weinbau: Echter und Falscher Mehltau.
Die ökologische Konsequenz ist erheblich. Klassische Vinifera-Reben müssen pro Saison sechs- bis zwölfmal mit Fungiziden behandelt werden, oft auch mit Kupfer im Bio-Weinbau. PIWI-Sorten kommen mit zwei bis vier Spritzungen aus, manche Anlagen schaffen Jahrgänge ganz ohne chemischen Pflanzenschutz. Die Einsparung an Spritzmitteln liegt bei bis zu 80 Prozent, der Maschineneinsatz im Weinberg sinkt entsprechend, und die Bodenverdichtung durch häufige Spritzfahrten geht zurück.
Klimatisch kommen weitere Vorteile dazu: PIWI-Sorten blühen meist später, sind weniger frostgefährdet und liefern Trauben mit gut ausgewogenem Säurespiel auch in heißen Jahren. Genau diese Eigenschaften machen sie in einem Land relevant, das zwischen 1980 und 2025 eine durchschnittliche Temperaturerhöhung von rund 1,8 Grad in den Weinbaugebieten gesehen hat – mehr als der globale Mittelwert.
Die Zahlen für Österreich 2026
Der Österreichische Wein-Marketing-Service ÖWM dokumentiert die Entwicklung jährlich. Die aktuellen Werte zeigen:
- Gesamtfläche Österreich: rund 880 Hektar PIWI (etwa 2,0 Prozent der gesamten Weinbaufläche)
- Niederösterreich: 414 Hektar, das sind 1,6 Prozent der niederösterreichischen Weinbaufläche
- Burgenland: 261 Hektar bzw. 2,3 Prozent
- Steiermark: 170 Hektar bzw. 3,3 Prozent – relativ höchster Anteil
Auch Wien und Kärnten haben einzelne PIWI-Auspflanzungen. In den humiden Lagen der Steiermark – der Süd-, Vulkan- und Weststeiermark – ist der wirtschaftliche Druck am höchsten, weil hier traditionell die meisten Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen müssen. Die rund 880 Hektar bedeuten in absoluten Zahlen wenig – aber pro Jahr werden mehrere Dutzend Hektar neu ausgepflanzt, mit einer beschleunigten Dynamik seit 2022.
Souvignier Gris – der heimliche Star der Steiermark
Souvignier Gris ist die mit Abstand am häufigsten gepflanzte PIWI-Weißweinsorte in Österreich. Rund 60 Prozent aller österreichischen Souvignier-Gris-Anlagen stehen in der Steiermark, vor allem in der Süd- und Vulkansteiermark. Die Sorte ist eine Züchtung des deutschen Pflanzenzüchters Norbert Becker, der sie aus Cabernet Sauvignon und einer pilzresistenten Donauriesling-Linie kreuzte.
Im Glas erinnert Souvignier Gris stark an einen steirischen Grauburgunder oder Pinot Gris: cremig, mit Birne und gelben Steinobstaromen, ausgewogener Säure und gutem Lagerpotenzial. Genau diese Nähe zu einer bekannten Sorte erleichtert die Vermarktung deutlich – Konsumenten finden das gewohnte Geschmacksbild und müssen sich nicht auf etwas radikal Neues einlassen.
Die Sorte ist seit 2022 in Österreich für Qualitätswein und Sektgrundwein zugelassen. Mehrere steirische Spitzenweingüter haben mittlerweile Sortenweine im Sortiment, oft im mittleren bis gehobenen Preissegment zwischen acht und 18 Euro pro Flasche.
Muscaris – der aromatische Verwandte der Muskat-Familie
Muscaris ist eine Kreuzung aus Solaris und Gelbem Muskateller, gezüchtet am Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg. Das Aromenprofil ist intensiv: Litschi, Holunderblüte, Muskat, frische Kräuter. Im Mund zeigt die Sorte eine kräftige, fast knackige Zitrussäure – das macht sie besonders interessant für Sektgrundweine und für Cuvée-Anteile in aromatischen Weißweinen.
In Österreich wird Muscaris vor allem im Burgenland und in der Steiermark angebaut, in deutlich kleineren Mengen auch in Niederösterreich. Die Sorte ist seit 2022 für Qualitätswein zugelassen. Wer mit aromatischen Sorten wie Gelber Muskateller oder Sauvignon Blanc grundsätzlich etwas anfangen kann, findet im Muscaris einen direkten Verwandten – aber mit deutlich geringerem Pflanzenschutzaufwand im Weinberg.
Donauriesling – Niederösterreichs Antwort auf den Klimawandel
Donauriesling wurde am Höheren Bundeslehr- und Forschungsinstitut Klosterneuburg gezüchtet und ist damit eine echte österreichische Sorte. Die Kreuzung verbindet Riesling mit pilzresistenten Reben aus der Vitis-amurensis-Familie. Im Glas erinnert die Sorte an einen klassischen Riesling – feine Zitrusnoten, knackige Säure, mineralische Anmutung – allerdings mit etwas weicherer Säurestruktur und einem leichter zugänglichen Mundgefühl.
Schwerpunkt der Anbaufläche ist Niederösterreich, vor allem das Weinviertel und Teile der Wachau. In der Steiermark und im Burgenland wird die Sorte ebenfalls in kleineren Mengen kultiviert. Für Winzer, die ihren bestehenden Riesling-Kunden eine pestizidärmere Alternative anbieten wollen, ist Donauriesling die naheliegende Wahl – die Sorte ist seit 2022 für österreichischen Qualitätswein zugelassen.
Weitere zugelassene Qualitätswein-PIWIs
Für österreichischen Qualitätswein sind seit 2022 zusätzlich drei Sorten zugelassen, die mengenmäßig kleiner sind, aber regional an Bedeutung gewinnen:
- Rathay – rote Sorte aus Klosterneuburg, Kreuzung mit Zweigelt-Charakter, dunkelfruchtig, gut für Cuvées
- Roesler – rote Sorte, ebenfalls aus Klosterneuburg, kräftig in der Farbe und im Tannin, deshalb häufig als Cuvée-Partner zu Zweigelt oder Blaufränkisch
- Blütenmuskateller (Flower Muscatel) – aromatische Weißsorte, derzeit nur in kleinen Mengen, geschmacklich zwischen Gelber Muskateller und Welschriesling
Die Klosterneuburger Züchtungen Rathay und Roesler waren übrigens die ersten österreichischen PIWI-Sorten überhaupt – sie wurden bereits in den 1970er Jahren entwickelt und gelten heute als Pioniersorten der heimischen Resistenzzucht.
Sortenwein- und Landwein-PIWIs
Neben den Qualitätswein-zugelassenen Sorten gibt es eine zweite Gruppe, die nur als Sortenwein oder Landwein vermarktet werden darf. Sie kommen aus deutschen oder Schweizer Zuchtprogrammen:
- Bronner – Kreuzung aus Merzling × Geisenheim, mineralische Weißweinsorte, oft mit Sauvignon-Blanc-Anklängen
- Cabernet Blanc – weiße Mutation, geschmacklich nahe an Sauvignon Blanc, sehr aromatisch
- Johanniter – Riesling-ähnlich, mit guter Säurestruktur, ideal für jüngere Trinkweine
- Regent – rote Sorte, in Deutschland weit verbreitet, in Österreich nur in kleinen Mengen vorhanden
Diese Sorten werden in der Etikettierung mit einfacher Sortenbezeichnung und Herkunftsangabe vermarktet. Für Winzer interessant ist, dass diese Weine mengenmäßig nicht der strengen Qualitätswein-Quote unterliegen – sie ergänzen das Sortiment also flexibel.
Vergleichstabelle der wichtigsten PIWI-Sorten in Österreich
| Sorte | Farbe | Eltern / Züchter | Zulassung Ö | Geschmacksprofil | Schwerpunkt-Region |
|---|---|---|---|---|---|
| Souvignier Gris | weiß | Cabernet Sauvignon × Bronner-Linie, Becker (DE) | Qualitätswein 2022 | cremig, Birne, Steinobst, Grauburgunder-nah | Steiermark |
| Muscaris | weiß | Solaris × Gelber Muskateller, Freiburg (DE) | Qualitätswein 2022 | Litschi, Holunderblüte, Muskat, knackige Säure | Burgenland, Steiermark |
| Donauriesling | weiß | Riesling × pilzresistente Linie, Klosterneuburg | Qualitätswein 2022 | Zitrus, mineralisch, Riesling-nah | Niederösterreich |
| Rathay | rot | Klosterneuburg, 1970er | Qualitätswein 2022 | dunkelfruchtig, Zweigelt-nah | Niederösterreich |
| Roesler | rot | Klosterneuburg, 1970er | Qualitätswein 2022 | farbintensiv, kräftiges Tannin | Niederösterreich, Burgenland |
| Bronner | weiß | Merzling × Geisenheim 6494, Freiburg | Landwein | mineralisch, Sauvignon-Blanc-nah | Steiermark |
| Cabernet Blanc | weiß | weiße Mutation aus Cabernet-Linie | Landwein | aromatisch, Sauvignon-Blanc-nah | Burgenland |
| Johanniter | weiß | Riesling × Pinot Gris × Gutedel × Freisamer | Landwein | Riesling-nah, gute Säure | Steiermark |
Wie PIWIs gezüchtet werden – die Forschungslandschaft
Die Resistenzzucht hat drei zentrale Standorte im deutschsprachigen Raum. Das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg im Breisgau gilt als Pionier-Institut mit Sorten wie Solaris, Muscaris und Cabernet Carbon. Das Forschungsinstitut Geisenheim im Rheingau bringt seit den 1980er Jahren ähnlich starke Sorten hervor. In Österreich ist das Höhere Bundeslehr- und Forschungsinstitut Klosterneuburg verantwortlich für Rathay, Roesler und Donauriesling.
Eine Kreuzung bis zur fertigen Sorte braucht 25 bis 35 Jahre. Erst werden tausende Sämlinge gezogen, im Freiland auf Resistenz selektiert, dann auf Aromaqualität und Ertragsstabilität geprüft, danach folgt der Sortenschutz und die offizielle Anerkennung. Das erklärt, warum die heute verfügbaren Sorten meist auf Kreuzungen aus den 1970er bis 1990er Jahren zurückgehen – die aktuell wichtigsten Zuchterfolge stammen aus dem nächsten Jahrzehnt.
Wie Konsumenten PIWI erkennen – und was sie im Glas erleben
Am Etikett steht die Sorte schlicht ausgeschrieben: Souvignier Gris, Muscaris, Donauriesling. Eine eigene PIWI-Kennzeichnung gibt es nicht. Manche Winzer ergänzen einen Hinweis wie „pilzwiderstandsfähige Rebsorte“ oder „klimafit“ auf der Rückseite, ein einheitliches Logo existiert in Österreich nicht.
Im Glas verhalten sich PIWIs in der Regel wie ihre klassischen Eltern, mit kleinen Eigenheiten. Souvignier Gris ist näher am Pinot Gris als am Sauvignon Blanc trotz des Namens. Muscaris ist intensiver aromatisch als ein klassischer Muskateller. Donauriesling ist weicher als ein Wachauer Riesling, dafür zugänglicher. Wer PIWI probieren möchte, sollte mit einem direkten Vergleich beginnen: zum Beispiel ein steirischer Grauburgunder neben einem steirischen Souvignier Gris zum gleichen Preisniveau. Der Unterschied ist meist klein, das Gewissen aber leichter.
Preislich liegen PIWI-Weine in derselben Spanne wie vergleichbare klassische Sortenweine. Der niedrigere Pflanzenschutzaufwand wird durch geringere Mengen pro Hektar und das aufwendige Marketing aufgewogen. Im Einstiegssegment ab acht Euro pro Flasche sind erste Sorten verfügbar, in der Mittelklasse zwischen zwölf und 18 Euro liegen die meisten Spitzenbetriebe.
Was gegen PIWI spricht und wo die Skepsis berechtigt bleibt
Ehrliche Bilanz, drei Punkte.
Erstens: PIWI ist nicht automatisch Bio. Es geht um Pflanzenschutzreduktion, nicht um zertifizierte Anbau-Standards. Ein PIWI-Wein aus konventionellem Anbau ist weiterhin konventionell, auch wenn er weniger gespritzt wurde. Wer den vollen ökologischen Schritt will, sollte auf Bio-Zertifizierung achten – die mit PIWI besonders gut zusammenpasst, weil die Hauptkostentreiber des Bio-Weinbaus (Kupferspritzung gegen Mehltau) entfallen.
Zweitens: PIWI-Sorten sind keine Eins-zu-eins-Ersatz für klassische Sorten. Ein Donauriesling kann einen Wachauer Smaragd-Riesling nicht ersetzen, ein Souvignier Gris ist kein steirischer Sauvignon Blanc. Wer auf den exakten Charakter einer Klassiker-Sorte besteht, wird in PIWI eine Annäherung finden, keinen Klon. Das ist Marketing-relevant – Winzer, die PIWI als „Ersatz“ verkaufen, machen den Sorten keinen Gefallen.
Drittens: die Lagerfähigkeit ist bei vielen PIWI-Sorten noch unklar. Souvignier Gris und Donauriesling zeigen in ersten Reifungs-Tests Potenzial für 5 bis 8 Jahre, manche neueren Sorten sind eher für den jungen Genuss gedacht. Wer auf 15-Jahre-Reife setzt, bleibt vorerst bei den klassischen Vinifera-Sorten – hier hat PIWI noch keine ausreichend lange Track-Record.
Trotz dieser Einschränkungen ist die Bewegung wirtschaftlich und ökologisch eindeutig. Die Anbaufläche wächst, die Zulassungen werden mehr, und die Klimaszenarien für österreichische Weinbaugebiete sprechen klar für resistente Sorten. Wer in 15 Jahren in einer steirischen Vulkan-Lage einen klassischen Sauvignon Blanc ohne ausgereifte Pilzresistenz anbauen will, kämpft unter ungünstigeren Bedingungen als ein PIWI-Winzer mit Souvignier Gris.
Häufige Fragen zu PIWI-Rebsorten
Sind PIWI-Weine immer Bio-Weine?
Nein. PIWI bezeichnet die Sorte, nicht den Anbau. Eine PIWI-Sorte kann konventionell oder biologisch angebaut werden. Da PIWI-Sorten aber von Natur aus weniger Pflanzenschutz brauchen, kombinieren viele Winzer beides – PIWI-Sorten ohne Bio-Zertifizierung haben ihren ökologischen Vorteil trotzdem, weil deutlich weniger gespritzt wird. Eindeutig erkennbar ist Bio nur am offiziellen Bio-Logo.
Sind PIWI-Weine gentechnisch verändert?
Nein. PIWI-Sorten entstehen durch klassische Kreuzung und Selektion, also durch dasselbe Verfahren, mit dem auch Riesling, Pinot Noir und andere etablierte Sorten entstanden sind. Gentechnik ist im europäischen Weinbau weder zugelassen noch in der PIWI-Zucht angewandt. Was PIWI besonders macht, ist die gezielte Auswahl resistenter Eltern, nicht die Methode.
Wo kann ich österreichische PIWI-Weine kaufen?
Im gut sortierten Weinfachhandel und direkt bei den Produzenten. Sortimente führen mittlerweile die meisten Vinotheken in der Steiermark und im Burgenland. Online sind PIWI-Weine über die Websites der Weingüter und über spezialisierte Plattformen erhältlich. Im Lebensmitteleinzelhandel ist die Verbreitung noch gering, einzelne Sorten – vor allem Souvignier Gris und Muscaris – finden sich aber bereits in den Premium-Sortimenten der großen Ketten.
Schmecken PIWI-Weine anders als klassische Weine?
Bei den Qualitätswein-zugelassenen Sorten ist der Unterschied klein und meist nur im direkten Vergleich erkennbar. Souvignier Gris erinnert deutlich an Grauburgunder, Donauriesling an Riesling, Muscaris an Gelben Muskateller. Bei den älteren Sortenwein-PIWIs – vor allem Regent und Bronner aus den 1970er Jahren – gibt es einen leichten „Foxton“, einen erdbeerigen Eigenton, der manche Konsumenten irritiert. Die neueren Sorten der 2000er Jahre haben dieses Problem nicht mehr.
Können PIWI-Sorten den klassischen Weinbau ersetzen?
Mittelfristig nein, langfristig vielleicht in Teilen. Die historisch gewachsenen Herkunftsschutz-Systeme (DAC, AOC, DOC) sind eng mit den klassischen Sorten verknüpft. Eine Wachau-DAC ohne Grünen Veltliner und Riesling ist rechtlich heute nicht möglich. Was sich aber abzeichnet: PIWI-Sorten als gleichwertiger Bestandteil zusätzlich zu den klassischen Sorten, vor allem in den humiden Gebieten der Steiermark und im westlichen Burgenland. Die Quote von heute zwei Prozent kann in zehn Jahren realistisch bei fünf bis acht Prozent liegen.