Lange bevor Smartphones und Wetter-Apps den Alltag bestimmten, richteten die Bauern in Österreich ihr gesamtes Jahr nach einem eigenen Kalender aus. Nicht das Datum zählte, sondern der Heiligenname: „Morgen ist Josefi-Tag“ sagte man, nicht „Morgen ist der 19. März“. Dieser bäuerliche Kalender – auch Mandlkalender genannt, weil er kleine Heiligenbilder enthielt – war Orientierung für Aussaat und Ernte, für Lohn und Dienstwechsel, für Feste und Fastenzeiten. Viele dieser Traditionen haben sich bis heute erhalten und prägen das Brauchtum in den ländlichen Regionen Österreichs.
Der bäuerliche Jahreskreis war dabei weit mehr als ein Arbeitsplan. Er verband christliche Liturgie mit vorchristlichen Naturbeobachtungen, Wetterregeln mit Aberglauben und harte Feldarbeit mit festlichen Höhepunkten. Um 1800 gab es in Österreich rund 30 offizielle Bauernfeiertage – Tage, an denen nach Verrichtung der unumgänglichen Stallarbeit das Arbeiten ruhte und gefeiert werden durfte.
Das Bauernjahr beginnt: Lichtmess am 2. Februar
Der eigentliche Jahresanfang im bäuerlichen Kalender war nicht der 1. Jänner, sondern Mariä Lichtmess am 2. Februar. An diesem Tag begann das neue Bauernjahr. Die katholische Kirche feiert das Fest mit einer Kerzensegnung und Lichterprozession – den geweihten Kerzen wurde große Schutzkraft zugesprochen. Bei Unwetter, Blitz und Donner brannte in bäuerlichen Haushalten die geweihte Wetterkerze, um Haus und Hof vor Schaden zu bewahren.
Für Knechte und Mägde war Lichtmess der wohl bedeutsamste Tag des Jahres. Am Lichtmesstag wurde der Jahreslohn ausgezahlt und der Dienstvertrag entweder erneuert oder aufgelöst. Wer den Hof wechseln wollte, tat dies an Lichtmess. Auf einem guten Hof wechselten die Dienstboten nur selten, und wer blieb, erhielt neben dem Geld oft ein Paar neue Schuhe als zusätzlichen Lohn. Für viele Bedienstete waren die wenigen freien Tage rund um Lichtmess der einzige Urlaub im gesamten Jahr. Bis 1912 war der 2. Februar in Österreich sogar ein gesetzlicher Feiertag.
Mit Lichtmess endete auch offiziell die Weihnachtszeit. In vielen katholischen Häusern blieben Krippe und Christbaum bis zum 2. Februar stehen. Im Volksmund hieß es: „Zu Neujahr um einen Hahnsprung, zu Dreikönig um einen Hirschsprung und zu Lichtmess gleich um eine ganze Stund“ – gemeint ist die zunehmende Tageslänge, die den Bauern Hoffnung auf das Frühjahr gab.
Bauernregeln zu Lichtmess
Kaum ein Tag im bäuerlichen Kalender ist so reich an Wetterregeln wie Lichtmess. Die bekannteste lautet: „Wenn’s zu Lichtmess stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit. Ist es aber klar und hell, kommt der Lenz wohl nicht so schnell.“ Statistische Überprüfungen haben gezeigt, dass viele dieser Bauernregeln – wenn man sie auf ihre Herkunftsregion bezieht – erstaunlich häufig zutreffen.
Frühling: Von Josefi bis Georgi
Josefitag am 19. März
Der Josefitag markierte im bäuerlichen Kalender einen Wendepunkt: „Altes endet, Neues wendet!“ hieß es am 19. März. Der heilige Josef gilt als Patron der Zimmerleute und Tischler, die ihren Schutzpatron bis heute mit einem Fest ehren. In der Steiermark ist er Landespatron und wird dort noch immer groß gefeiert. Für die Bauern bedeutete „Josefi“ bei schönem Wetter eine gute Ernte: „Ist es an Josefus klar, wird es ein gesegnet‘ Jahr.“ In manchen Regionen galt der Tag auch als Startschuss für die Gartenarbeit und das erste Austreiben des Viehs.
Georgi am 23. April
Mit Georgi begann offiziell das Arbeitsjahr im Freien. Der Georgstag war ein entscheidender Termin im bäuerlichen Kalender – ab diesem Datum durfte man nicht mehr über die Wiesen gehen, weil das Gras für die Heuernte wachsen musste. Diese Regel galt bis Michaeli (29. September). Die Bauernregel „Auf St. Georg’s Güte stehen alle Bäum‘ in Blüte“ zeigt, dass der Tag als Frühlingshöhepunkt galt. Kinder mussten ab Georgi auf ihre Winterschuhe verzichten – „Georgi bringt grüne Schuh“ sagte man dazu. Der Georgstag war zudem der Ehrentag der Pferde: „Des St. Georg’s Pferd, das tritt den Hafer in die Erd.“
Die Eisheiligen und der Frühsommer
Jeder Bauer kannte sie: Pankratius (12. Mai), Servatius (13. Mai), Bonifatius (14. Mai) und die Kalte Sophie (15. Mai). Die Eisheiligen waren im bäuerlichen Kalender gefürchtete Lostage, denn ein später Kälteeinbruch Mitte Mai konnte die junge Saat vernichten. „Pankraz, Servaz, Bonifaz machen erst dem Sommer Platz“ – erst nach der Kalten Sophie durfte der Bauer darauf vertrauen, dass kein Frost mehr drohte. Empfindliche Pflanzen wurden vorher nicht ins Freie gesetzt. Meteorologische Auswertungen bestätigen, dass diese Kälteeinbrüche tatsächlich nahezu jedes Jahr auftreten.
Maibaum, Floriani und Fronleichnam
Der 1. Mai mit dem Maibaumaufstellen gehört zu den lebendigsten Bräuchen im bäuerlichen Jahreskreis. Das Aufstellen des geschmückten Baums symbolisiert Fruchtbarkeit und Gemeinschaft und wird in ganz Österreich mit Festen gefeiert. Am 4. Mai (Florianitag) ehren die Feuerwehren ihren Schutzpatron – für die Bauern war der heilige Florian der Beschützer vor Feuersbrunst, und auf vielen Höfen findet sich bis heute eine Floriani-Statue oder ein Bildstock.
Fronleichnam, der zweite Donnerstag nach Pfingsten, gehörte zu den prächtigsten Feiertagen im bäuerlichen Kalender. Das Hochfest des Leibes und Blutes Christi geht auf das 13. Jahrhundert zurück und wurde 1264 von Papst Urban IV. für die gesamte Kirche eingeführt. Die Fronleichnamsprozession führt durch festlich geschmückte Straßen, vorbei an vier Altären mit Blumenteppichen. Die Bauern trugen ihre beste Tracht, und die Teilnahme der ganzen Dorfgemeinschaft war selbstverständlich. In manchen Regionen finden die Prozessionen auf dem Wasser statt – etwa auf dem Hallstätter See oder am Traunsee – was ein besonders eindrucksvolles Bild ergibt.
Sonnenwende am 21. Juni
Die Sonnwende rund um den längsten Tag des Jahres ist einer der ältesten Bräuche im bäuerlichen Kalender und reicht weit in vorchristliche Zeiten zurück. Auf den Gipfeln und Berghängen der Alpen werden Sonnwendfeuer entzündet – in Vorarlberg stehen zu diesem Anlass traditionell die „Berge in Flammen“. Im Bregenzerwald wird diese Tradition in nahezu unveränderter Form seit über 400 Jahren gepflegt.
Den an diesem Tag geernteten Pflanzen und Kräutern wurde im bäuerlichen Aberglauben besondere Heilkraft zugesprochen. In Tirol brennen rund um Fronleichnam zusätzlich die Herz-Jesu-Feuer auf den Berggipfeln – eine Tradition, die an das Herz-Jesu-Versprechen aus den Tiroler Freiheitskämpfen erinnert und die religiöse Verbundenheit der Bevölkerung mit ihrer Heimat zeigt.
Maria Himmelfahrt und die Kräuterweihe (15. August)
Der 15. August – Mariä Himmelfahrt oder „Hoher Frauentag“ – zählt zu den bedeutendsten Feiertagen im bäuerlichen Kalender. Schon Tage vor dem Fest werden Kräuter und Blumen gesammelt und zu kunstvollen Sträußen gebunden, die bei der traditionellen Kräuterweihe in der Kirche gesegnet werden. Auf den Almen rund um Salzburg wiegen solche Kräuterbuschen bis zu 15 Kilogramm und enthalten mindestens neun verschiedene Heilkräuter – von Johanniskraut über Schafgarbe und Frauenmantel bis zu Arnika.
Die geweihten Kräuter wurden in den Herrgottswinkel der Stube gehängt, über die Stalltür oder unters Dach. In den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönig wurden sie dem Vieh ins Futter gemischt und dem Weihrauch beim Räuchern beigegeben. Drohte ein Unwetter, warf man einen Teil der getrockneten Kräuter ins Herdfeuer. Geweihtes Getreide wurde mit dem neuen Saatgut für die nächste Aussaat vermischt. Die Zeit vom 15. August bis zum 8. September (dem „kleinen Frauentag“) heißt im österreichischen Brauchtum „Frauendreißiger“ – eine Phase, in der die Heilkräuter als besonders wirksam galten.
Die Bauernregel dazu: „Wie das Wetter am Himmelfahrtstag, so der ganze Herbst sein mag.“
Der Herbst: Erntedank und Almabtrieb
Bartholomäus am 24. August
Im bäuerlichen Kalender markierte Bartholomäus den Übergang vom Sommer zum Herbst. „Zu Bartlmä geht man im Sommer in die Kirche und im Herbst kommt man heraus“ – dieser Spruch beschreibt den raschen Wandel der Jahreszeit um den 24. August. Der Tag galt als Ende der Getreideernte und Beginn der Herbstaussaat. Zwischen den beiden „Frauentagen“ (15. August und 8. September) begann auf vielen Almen auch der erste Almabtrieb auf die Niederalmen.
Michaeli am 29. September
Michaeli war neben Lichtmess der zweite große Ein- und Ausstehtag für Knechte und Mägde. Wer an Lichtmess nicht gewechselt hatte, konnte es zu Michaeli nachholen. Der Tag beendete auch offiziell die Zeit, in der das Betreten der Wiesen verboten war – von Georgi bis Michaeli musste das Gras ungestört wachsen können. In der Landwirtschaft markierte der Michaelitag den Abschluss der Haupterntezeit.
Erntedankfest
Das Erntedankfest, meist am ersten Sonntag im Oktober gefeiert, geht auf einen weltlichen Brauch des bäuerlichen Arbeitslebens aus dem 18. Jahrhundert zurück. Damals überreichte das Gesinde dem Bauern nach Abschluss der Ernte einen Kranz aus geflochtenem Getreide und erhielt dafür ein Festessen. Noch heute werden kunstvoll gestaltete Erntekronen und Erntegaben bei der Prozession zur Kirche getragen und gesegnet. Brot, Eier, Feld- und Gartenfrüchte werden zur Schau gestellt, begleitet von Musikkapellen, Trachtengruppen und der Bauernschaft. Die gesegneten Gaben werden anschließend an Bedürftige der Gemeinde gespendet.
In Salzburg verbindet sich das Erntedankfest mit dem Bauernherbst – einer Tradition, die Brauchtum und altes Handwerk in Erinnerung ruft. Am 30. September fällt zudem der „Brausilvester“, der Jahreswechsel in der Bierbranche, an dem die Landwirte ihre Rohstoffe für die neue Brausaison einfahren.
Almabtrieb
Die festliche Krönung des bäuerlichen Arbeitsjahres ist der Almabtrieb. Wenn das Vieh nach einem unfallfreien Sommer gesund von den Hochalmen ins Tal zurückkehrt, werden die Kühe mit Blumenkränzen, Glocken und farbenprächtigen Kopfgestecken geschmückt. Der Brauch wird in den Alpenregionen Österreichs seit Jahrhunderten gepflegt – im Bregenzerwald etwa seit über 400 Jahren in nahezu unveränderter Form. Die Rückkehr der Tiere wird mit Blasmusik, Bauernmärkten und regionalen Spezialitäten wie Brodakrapfen, Schmalznudeln und Almkäse gefeiert. Traditionell findet am Vorabend die „Gru-Nacht“ statt – die letzte gemeinsame Nacht der Senner auf der Alm, begleitet von deftigem Essen und gemütlichem Beisammensitzen.
Martini und der Beginn des Winters
Der 11. November – Martini – war im bäuerlichen Kalender ein historisch bedeutsamer Brauch-, Rechts- und Wirtschaftstermin. An diesem Tag war der Pachtzins an den Grundherrn fällig, und vielerorts fand das traditionelle Ernteschlachtfest statt. Die Martinigans erinnert an diesen alten Brauch: Weil am 11. November die Gänse gemästet und geschlachtet wurden, entwickelte sich das „Martinigans-Essen“ zu einer festen Tradition, die in zahlreichen Gasthäusern bis heute gepflegt wird. Martini gilt außerdem als brauchtümlicher Faschingsbeginn (11.11. um 11:11 Uhr) und markiert den Übergang in die stille Zeit vor Weihnachten.
Mit Katharina am 25. November hieß es dann: „Kathrein stellt den Tanz ein.“ Ab diesem Tag begann die „geschlossene Zeit“ bis Weihnachten, in der keine Tanzveranstaltungen, Hochzeiten oder größere Feste stattfinden durften. Auch die Fastenzeit galt als geschlossene Zeit.
Advent, Rauhnächte und der Thomastag
Am 4. Dezember (Barbaratag) werden Kirschzweige geschnitten und ins warme Zimmer gestellt – blühen sie zu Weihnachten auf, verheißt das Glück für das kommende Jahr. Der 6. Dezember bringt den Nikolaus, oft begleitet vom Krampus, der in den Alpenregionen mit kunstvoll geschnitzten Masken und Fell durch die Dörfer zieht.
Der Thomastag am 21. Dezember fiel traditionell mit der Wintersonnenwende zusammen und galt im bäuerlichen Kalender als mystischer Lostag. Mit ihm begannen die zwölf Rauhnächte – vom 25. Dezember (Stefanitag) bis zum 6. Jänner (Dreikönigstag). In diesen Nächten wurde mit geweihten Kräutern durch Haus und Stall geräuchert, um böse Geister zu vertreiben. Jede Rauhnacht stand der Überlieferung nach für das Wetter eines Monats im kommenden Jahr. Am Stefanitag (26. Dezember) fand die Pferdesegnung statt, und am Dreikönigstag zogen die Sternsinger von Haus zu Haus, um den Segen C+M+B an die Türen zu schreiben.
Mit dem 5. Jänner, dem sogenannten Glöcklertag, endete die letzte Rauhnacht – und der bäuerliche Kalender bewegte sich wieder auf Lichtmess zu, den Beginn eines neuen Jahreskreises.
Lostage und Bauernregeln – das Wissen der Generationen
Die sogenannten Lostage waren besondere Tage im bäuerlichen Kalender, an denen das Wetter als Omen für die kommenden Wochen oder die gesamte Erntezeit galt. Die dazugehörigen Bauernregeln wurden über Generationen mündlich weitergegeben und als Erfahrungswerte der Landbevölkerung gepflegt. Lange galten sie als bloßer Aberglauben, doch als Forscher Ende des 20. Jahrhunderts begannen, die Regeln statistisch zu überprüfen und dabei auf das Entstehungsgebiet achteten, war das Ergebnis überraschend: Viele regionale Bauernregeln treffen erstaunlich häufig zu.
Meteorologe Jörg Kachelmann wies 2004 darauf hin, dass man die Einführung des Gregorianischen Kalenders berücksichtigen muss, die viele alte Regeln „aus dem Tritt gebracht“ hat. Rechnet man diese Verschiebung ein, steigt die Trefferquote noch einmal deutlich. Die Bauernregeln sind damit weit mehr als Folklore – sie sind ein Schatz empirischer Naturbeobachtung, der in einer Zeit ohne Wettersatelliten überlebenswichtig war.
Der bäuerliche Kalender heute
Natürlich hat die moderne Landwirtschaft den alten Bauernkalender längst als Planungsinstrument abgelöst. Wettervorhersagen per Radar und Satellit haben Bauernregeln als Entscheidungsgrundlage ersetzt. Trotzdem lebt das Brauchtum rund um die Lostage und Bauernfeiertage in vielen Regionen Österreichs weiter. Erntedankfeste, Almabtriebe, Kräuterweihen und Fronleichnamsprozessionen ziehen Jahr für Jahr Tausende an. In Oberösterreich fördert das Land gezielt Brauchtumsfeste im Jahreskreis, damit Kinder, Eltern und Großeltern Traditionen aktiv erleben können. Eine Familienstudie aus dem Jahr 2025 zeigt: Für rund drei Viertel der Befragten sind Bräuche und Traditionen im Jahreskreis nach wie vor bedeutsam.
Der bäuerliche Kalender mag seinen praktischen Nutzen verloren haben. Doch als kulturelles Gedächtnis einer Gesellschaft, die Jahrhunderte lang im Rhythmus der Natur lebte, bleibt er lebendig – in den Bauernregeln, die Großeltern ihren Enkeln erzählen, in den Kräuterbuschen, die am 15. August gesegnet werden, und in den geschmückten Kühen, die im September von der Alm ins Tal zurückkehren.